die verändernde kraft des
wahr-nehmens
10.07.2007
damit wir uns als menschen entwickeln können, braucht es einen raum, in dem das sein darf, was ist. einen freiraum in uns selbst, in dem wir unsere gedanken und gefühle anschauen können, ohne sie zu bewerten und ohne, dass wir gleich etwas ändern oder eine lösung parat haben müssen. in diesem raum ohne urteil kann wieder echte beziehung entstehen zu uns selbst, zu unserer alltäglichen situation, den anderen menschen, den vielen fragen und herausforderungen in uns und um uns herum. wenn wir lernen, die dinge wahr-zu-nehmen, wie sie sind und dabei auch dem unangenehmen, beunruhigenden nicht ausweichen, kann etwas in uns zur ruhe kommen und wir erleben klarheit und haben orientierung für unser leben.
wenn wir wirklich leben wollen, nicht bloß "nach-leben", was uns vorgeben wird, brauchen wir klarheit über uns selbst. mir ist das besonders an meinen erfahrungen mit dem einstieg ins berufsleben bewusst geworden: nach meinem studium der biologie habe ich ein jahr lang versucht, eine anstellung in den bereichen zu finden, die für mein fachgebiet üblich sind – erfolglos. eigentlich, musste ich mir schließlich eingestehen, wollte ich dort auch gar nicht arbeiten und ich wusste im grunde nicht, was ich beruflich machen wollte. was mich angetrieben hatte, mich zu bewerben, war vor allem die angst davor, alleine da zu stehen, ohne arbeitsstelle – die angst, von anderen ausgeschlossen und als "faul" oder "unfähig" verurteilt zu werden. und ich hatte eine klare vorstellung davon, was ich zu tun hatte, um dieser verurteilung zu entgehen: bewerbungen schreiben, vorstellungsgespräche besuchen, mich "beruflich weiterbilden",…
ich kann mich in meinem leben von dieser angst, zu kurz zu kommen, verurteilt oder ausgeschlossen zu werden, alleine da zu stehen, leiten lassen und meine handlungen danach ausrichten. die angst kann mir "orientierung" und eine richtung im leben geben. dann neige ich dazu, mein leben an den erwartungen anderer auszurichten oder an den ratschlägen, die mir meine eltern, freunde, bekannte oder staatliche institutionen geben. oder ich folge meinen vorstellungen darüber, was ich meine, was die anderen meinen, das ich tun soll. ich habe den eindruck, dass ich in diesen dingen schon recht gut bin. das habe ich in erziehung, schule und ausbildung ausgiebig lernen dürfen und ich habe es tief verinnerlicht. wenn ich das jetzt aber nicht mehr möchte, wenn ich mich nicht mehr so stark abhängig machen will von meinen eigenen und den vorstellungen anderer darüber, wie mein leben zu sein hat, brauche ich wirkliche orientierung, klarheit über mich selbst. anstatt zu überlegen, wie ich mein leben so hin bekomme, wie es "eigentlich" sein sollte, ist es dann notwendig, zunächst einmal wahrzunehmen, was ist.
was mir hilft
was mir manchmal hilft, klarer zu sehen, ist, mir zeit für mich selbst zu nehmen, meine gedanken und gefühle aufmerksam zu beobachten und ihnen zuzuhören, was sie mir sagen wollen. wenn ich mich in meinen - oft verstrickten - alltagsbeziehungen und -bezügen wieder etwas mehr zurecht finden und mich wieder mehr "zu hause" fühlen möchte, brauche ich das beobachten meiner selbst, das aufmerksame dasein, aber auch das vertrauen, dass a l l e s , was ich dann sehe, sein darf, wie es ist. ich bin es ja gewohnt, das, was ich von mir selbst wahrnehme, einzuordnen nach "gut" und "schlecht": "ja, so möchte ich sein, so bin ich wirklich!" oder: "nein, so will ich nicht sein, das bin nicht ich!". das erschwert mir meinen umgang mit mir selbst, weil ich beides bin: das, was ich mag und das, was ich nicht mag und letztendlich keins von beiden. ich glaube, ich kann ohne annehmendes vertrauen nicht zu einem konstruktiven umgang mit mir selbst finden und ich muss an meinen
"dunkelheiten" * verzweifeln oder sie aus meinem leben ausblenden.
wenn ich dieses vertrauen gerade nicht spüren kann, hilft es mir manchmal, aus meiner isolation zu kommen, wenn ich von anderen menschen höre oder lese, denen es ähnlich geht oder ging, wie gerade mir. auch gibt es mir manchmal viel vertrauen und kraft und ich fühle mich "zu hause", wenn mir ein anderer mensch einfühlsam zuhört, und mir auf eine liebevolle art zu verstehen gibt, dass er
"mich wahrnimmt" ** und dass es in ordnung ist, was ich denke und fühle, dass ich so sein darf, wie ich gerade bin. solche echten begegnungen sind für mich sehr wertvolle erfahrungen und ich wünsche mir, dass ich noch oft in meinem leben auf diese weise in beziehung zu anderen menschen kommen kann.
orte des vertrauens schaffen
ich habe die erfahrung gemacht, dass meine umwelt auf meine unsicherheit bezüglich meiner berufswahl vor allem mit erwartungen, druck oder ratschlägen reagiert (wenn ich alle tipps zusammenstellen würde, die mir wohlmeinende menschen im laufe der zeit gegeben haben, bekäme ich einen recht guten überblick über die berufslandschaft für akademiker in deutschland). ich meine, dass uns erwartungen, druck und ratschläge meist wenig helfen, wenn wir uns klar werden wollen über das, was uns ausmacht, über unsere möglichkeiten und grenzen und über das, was wir von herzen tun oder lassen möchten. daher glaube ich, dass wir unser leben bereichern können, wenn wir orte schaffen, an dem wir uns wirklich zuhören und uns gegenseitig im vertrauen in unseren ganz eigenen weg stärken können.
einfach "nur" wahrnehmen
zuhören kann bedeuten, demjenigen, der spricht, zuzuhören: was steckt hinter den worten? was fühlt die sprecherin? was braucht, was sucht sie?, und auch mir selbst als zuhörer zuzuhören: was löst das gesagte in mir aus? wie bin ich gewohnt, darauf zu reagieren? was brauche ich, um mit dem anderen in beziehung zu kommen? und: es kann auch heißen, einfach miteinander zu schweigen.
ich möchte beim "gottesgeschichten.zuhören" weniger nach lösungen und strategien für konkrete situationen suchen, weil ich den eindruck habe, dass uns das lösungsorientierte denken oft von den eigentlichen fragen wegführt. vielleicht macht es manchmal sinn, mit dem verstand nach lösungen für bestimmt probleme zu suchen, z. b. bei einer mathematischen gleichung oder einer arbeitsaufgabe: "wenn ich dieses produkt in einer stückzahl von 10.000 herstellen möchte - wie kann ich den produktionsablauf optimieren, um kosten zu sparen und gleichzeitig die umwelt zu schonen?" wenn wir aber auf diese art versuchen, unsere ängste loszuwerden, unser leben zu kontrollieren oder ihm eine richtung zu geben, hindern wir uns daran, mit dem leben wirklich umzugehen und nehmen uns den fluss, die lebendigkeit. ich glaube, wenn wir wirklich etwas von der situation, in der wir uns gerade befinden, verstehen, dann müssen wir nicht mehr überlegen, was wir tun sollten. wenn ich mir bewusst bin, dass ich schrecklichen durst habe, muss mir niemand sagen, dass ich etwas trinken sollte – ich tue es einfach, wenn ich die möglichkeit dazu habe und wenn nicht, werde ich alles in bewegung setzen, um etwas flüssigkeit zu organisieren. wenn ich hingegen frage: "was soll ich tun?", bin ich mir meiner situation noch nicht bewusst. dann habe ich die möglichkeit, mich auf ratschläge anderer zu verlassen (die mir dann aber auch vom trinken abraten könnten) oder ich kann diese neue, "unsichere" situation aushalten und versuchen wahrzunehmen, was mit mir (und den menschen um mich herum) eigentlich los ist.
verunsicherung aushalten in zeiten des gesellschaftlichen umbruchs
ich habe den eindruck, dass wir uns gerade auch als menschheit in einer solchen "unsicheren situation" befinden. manchmal entsteht in mir ein bild von unserer westlichen gesellschaft als einen jugendlichen am ende der pubertät: all diese poppigen einkaufspassagen mit ihren rein auf das äußerliche fixierten fassaden, die zahllosen technischen "spielereien" mit deren entwicklung und verkauf zahlose menschen beschäftigt sind, das austesten der grenzen des technisch möglichen - leistung, power, performance. immer wollen wir "etwas besonderes", "jemand" sein oder werden - ist das nicht typisch pubertät? unser jugendlicher beginnt nun langsam zu erkennen, dass sein leben nicht nur aus immer mehr spaß und immer aufwendigeren computerspielen besteht und dass selbst die coolsten klamotten nicht gegen liebeskummer helfen. er spürt, dass es für ihn nun darum geht, "er-wachsen" zu werden, freilich ohne dass er weiß, wie. alles scheint so furchtbar kompliziert und schwierig zu sein.
ich lerne immer mehr menschen kennen, die spüren, dass wir als (globale) gemeinschaft aus ökologischen, sozialen und ökonomischen gründen nicht mehr lange so weitermachen können wie bisher. zudem gibt es zwar alle möglichen lösungsvorschläge zu "diesem problem", aber ich kenne niemanden, der einen "masterplan" hätte, welcher alle fragen beantwortet und an den sich jeder halten könnte: letztendlich sind wir doch wieder auf uns selbst und unsere persönliche lebenssituation zurückgeworfen, mit der wir umgehen müssen.
ich glaube, dass es uns in dem maße möglich wird, konstruktiv mit den sich ständig wandelnden umständen unserer zeit umzugehen, wie wir lernen, die dinge so zu sehen, wie sie sind. wenn wir aus echter beziehung zu uns selbst und der welt um uns herum handeln, anstatt aus gesellschaftlichen mustern und wertvorstellungen einer epoche heraus, die gerade zu ende geht, wird in unserer gesellschaft etwas neues entstehen und wir werden lösungen finden, von denen wir jetzt noch keine ahnung, geschweige denn einen plan haben. für diese art von wachstum sehe ich schon jetzt viele beispiele, die mich ermutigen.
veränderung
wir müssen mit der veränderung dort anfangen, wo wir jetzt stehen. es ist völlig ausreichend, selbst einen schritt zu gehen. um selbst einen schritt gehen zu können, ist es nicht notwendig, "sich klar zu sein über sich selbst", "die eigenen dunkelheiten* zu kennen" oder ein "guter zuhörer" zu sein. und: vertrauen, beziehung und klarheit können wir nicht aus uns selbst heraus machen. veränderung geschieht, indem wir sie zulassen.
michael
* dunkelheiten: das, was ich an mir selbst nicht sehen möchte und was mir daher "dunkel", d. h. verborgen ist.
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** "mich wahrnehmen": wir nehmen immer nur uns selbst wahr. wenn jemand "mich" - d. h. meine gefühle und gedanken - wahrnimmt dann erkennt er "sich" in mir wieder. das ist die einzige möglichkeit, die ich kenne, um als mensch in beziehung mit anderen menschen zu sein.
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